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Adventure

Abenteuer Nepal | Paragliding im Himalaya als ultimative Herausforderung

Wie ein Flug in der gefährlichsten Bergregion der Welt Rookie Mark Brightwell eine Lektion fürs Leben erteilte

Autor: Mark Brightwell 

Ich stehe am Seeufer des Phewa Lake in Nepals ruhiger Touristenstadt Pokhara. Von hier aus steigt das Gelände mit einem vertikalen Höhenunterschied von 800 Metern steil an und erreicht seinen Zenit auf dem Gipfel des Sarankot, von dem Hunderte Paraglider in die Thermik starten. Die meisten von ihnen sind kommerzielle Tandemflüge für diejenigen mit weniger Gleitschirm-Erfahrung, aber für Abenteurer auf der Suche nach noch mehr Nervenkitzel ist das erst der Anfang.

Obwohl ich selbst zu den Rookies auf dem Gebiet zähle, bin ich hier mit Piloten unterwegs, deren Können und Erfahrung von Jahrzehnten des Fliegens im Weltcupzirkus sowie in den großen Bergregionen Asiens, Europas und sogar Alaskas geprägt wurde. Für diese ambitionierte Gruppe ist es die Annapurna-Kulisse vom Sarankot mit ihren 7.000 bis über 8.000 Meter hohen Gipfeln, die ihre Visionen anregt.

Unter ihnen befindet sich auch der Machapuchare, benannt nach seinen Zwillingsspitzen, die einem Fischschwanz ähneln. Er gilt als das Juwel in der Annapurna-Krone und genau diesen Peak wollen wir in Angriff nehmen. Unser Ziel ist es, aus 3.500 Metern zu starten und direkt zurück nach Pokhara zu fliegen – eine eher seltene Errungenschaft, sogar unter erfahrenen Piloten.

Unser Ziel ist es, aus 3.500 Metern zu starten und direkt zurück nach Pokhara zu fliegen – eine eher seltene Errungenschaft, sogar unter erfahrenen Piloten.”

Während der sauerstoffarme Fußmarsch von Pokhara eine schöne Marathonstrecke mit extremer vertikaler Höhenzunahme bedeuten würde, bevorzugen wir bei unserem geplanten Unterfangen die komfortablere Variante per 4×4. In kürzester Zeit fahren wir jenseits der Siedlung von Pokharas und begeben uns auf eine raue Piste. Wir folgen dem Talverlauf, vorbei an brach liegenden Reisfeldern, Tempeln und kleinen Dörfern. Über uns fixieren alle Mitfahrer den schmalen Wasserfall, der sich aus einer der höher gelegenen Dschungelwände bis zum Talboden ergießt.

Machapuchare | Credit: Mark Brightwell @mark_brightwel

Am späten Vormittags hat uns die grob in den Felsen gehauene Strecke die östlichen Hänge des Tales heraufgeführt, über ein Gelände, das den Mahindra Bolero und seinen geschickten Fahrer zunehmend herausfordert, bis es schließlich nicht mehr weitergeht. Wir springen aus dem Geländewagen und genießen die atemberaubende Szenerie.

Sidding pugyo!” (“Wir haben Sidding erreicht!”)

Die nächste Phase unserer Reise werden wir zu Fuß bewältigen, und da dies viel Energie verlangt, bedienen wir uns in einem lokalen Teehaus und verschlingen große Mengen vielseitiger Lebensmittel, die frisch aus den umliegenden Feldern stammen. Porridge schmeckte nie so gut.

Schon bald wickelt uns der Dschungel in seine kühle Umarmung, der Aufstieg verläuft langsam, aber stetig. Wir stoppen regelmäßig, um uns der immer dünner werdenden Luft anzupassen und dabei die Teppiche von purpurfarbenen Blüten zu bewundern.

Wir pausieren auf sonnenverwöhnten Felsblöcken außerhalb des Teehauses und verzögern den nächsten vor uns liegenden Schweißausbruch der Etappe so lange wie möglich. Schließlich motiviert uns Vorstellung dann doch, das Hochlager noch vor Anbruch der Dämmerung zu erreichen, um unsere sonneninduzierte Lethargie abzuschüteln. Wir schultern unser Gepäck und steigen weiter hinauf über die exponierte Schulter des Berges.

Schon bald wickelt uns der Dschungel in seine kühle Umarmung, der Aufstieg verläuft langsam, aber stetig. Wir stoppen regelmäßig, um uns der immer dünner werdenden Luft anzupassen und dabei die Teppiche von purpurfarbenen Blüten zu bewundern.

Dame im Dschungel | Credit: Mark Brightwell @mark_brightwell

Die Passage verläuft friedlich und wird nur durch die Begegnung mit Maultierträgern unterbrochen, die ihre Tiere für eine Aufstockung ihrer Vorräte zum Sidding hinuntertreiben. Ihre Anwesenheit ist beruhigend, da diese Dschungelwege weitgehend unkartiert sind und wir nach Spürnase navigieren: Der steilste Trail muss die richtige sein.

Wir tauchen nach einigen Stunden mit steilem Aufstieg an einer Lichtung auf und entdecken ein Teehaus, das Speisen serviert. Niemand verliert Zeit, um schnell Nudeln mit Gemüse zu genießen, serviert mit heißer Zitrone als Getränk und gefolgt von Pfannkuchen mit Honig. Ein Schild verrät uns, dass dieses Forest Camp auf 2.950m liegt, was bedeutet, dass wir 1.000m geklettert sind und nur noch 600m vor uns liegen.

Ein paar Tage später erfahren wir, dass der Hire hier bei einem nächtlichen Angriff eines Schneeleoparden  mehrere Tiere verlor.

Nach einem Steilstück über 100m erreichen wir die Baumgrenze und auf den Grat, der nicht nur zu unserem Ziel führt, dem High Camp Teehaus, sondern letztlich zum Mardi Himal, einem Ausreißer von Machapuchare, der bei 5.500m den Kopf des Tals dominiert.

Das lange Gras, das den schmalen Gebirgskamm bedeckt, leuchtet im Sonnenlicht an diesem späten Nachmittag. Eine dünne, staubige Spur schlängelt sich durch und führt uns zu einem Unterstand, der dem Nachwuchs der Yaks Schutz bietet. Ein paar Tage später erfahren wir, dass der Hire hier bei einem nächtlichen Angriff eines Schneeleoparden  mehrere Tiere verlor.

Machapuchare | Credit: Mark Brightwell @mark_brightwell

Es dauert noch eine Stunde von hier bis zum High Camp. Die Gipfel des Annapurna Himal liegen am Horizont und jeder Schritt führt uns tiefer in ihr Reich. Jeder Anflug von Müdigkeit ist völlig durch die Schönheit von dem, was wir sehen, überdeckt. Endlich schiebe den Rucksack im Hochlager von meinen Schultern und eile schnellen Schrittes in Richtung Dämmerung. Auf 3.650m erreiche ich einen Hügel, beruhige meinen Atem und beobachte den Sonnenuntergang hinter einem weit entfernten Bergpanorama.

Zurück im Teehaus drängen wir uns um einen Holzbrenner, auf dem Schnee geschmolzen wird, um das Wasser zu bekommen, das zum Kochen unseres Abendessens, dem traditionellen Nepali dhal Bhat (Linsen und Reis), benötigt wird.

Jeder Anflug von Müdigkeit ist völlig durch die Schönheit von dem, was wir sehen, überdeckt

Unter geliehenen Decken machen wir es uns für die Nacht gemütlich. Die alten Haudegen erzählen dabei Geschichten vom knappen Überleben bei einem ihrer Abenteuer, spannend und beunruhigend zugleich, und ich frage mich selbst, ob morgen ein weiteres Kapitel zu diesem Genre hinzufügt wird mit mir in der Hauptrolle.

Schlaf nach einem schnellen Aufstieg auf 3.500m müsste eigentlich umgehend einsetzen, aber wenn man sich mit dem schwierigsten Take-off seines Lebens am nächsten Tag konfrontiert sieht…

Mardi Take-off | Credit: Tobias Dimmler @betweensummitandsk

Nach dem Frühstück nehmen wir unsere Wings mit zum grasigen Hang, von wo aus wir starten und anfangen, uns in Paraglidings weniger geliebtem Geschwistersport zu erproben: Para-waiting – eine intensive Wartezeit, bis die richtigen Bedingungen für das Fliegen vorherrscht. Ein paar Stunden später werden die Zyklen der Thermik endlich stärker und konsequenter. Die erfahrenste Mardi-Pilotin unter uns, Bella, zieht zuerst los. Ihr Gleitschirm erscheint schon nach kurzer Zeit fast zwergenhaft, als sie auf die Stirnwand dieses monströsen Tals zufliegt, tiefer noch in die Klauen des einschüchternd massiven Geländes.

Ich bringe meine Sinne in Einklang und sehe die Zyklen der aufsteigenden Luft, die sich durch die Gräser zu mir bewegt, fühle sie auf meinem Gesicht, bis mein Gehirn plötzlich automatisch ein Muster von einstudierten Muskelbewegungen initiiert.”

Ich bin jetzt an der Reihe und obwohl eine erfahrenen Pilotin in der Luft ist und ein weiterer Profi direkt hinter mir steht, können sie mir beim besten Willen die eine Sache nicht abnehmen. Nur ich selbst kann diesen Flug starten. Also beginne ich, meinen Geist zu konzentrieren, zu antizipieren, was passieren könnte, zu visualisieren, was im Idealfall passieren soll. Ich bringe meine Sinne in Einklang und sehe die Zyklen der aufsteigenden Luft, die sich durch die Gräser zu mir bewegt, fühle sie auf meinem Gesicht, bis mein Gehirn plötzlich automatisch ein Muster von einstudierten Muskelbewegungen initiiert.

Meine Arme strecken sich hinter dem Körper, mit der Schwerkraft beginne ich vorwärts zu laufen. Ich fühle den Zug an den Leinen beim Aufziehen des Gleitschirmes, als sich die Kappe mit Luft füllt und hochsteigt. Er steigt schneller als erwartet in dieser dünneren Luft. Im kritischen Moment, als er mich droht zu überholen, bremse ich den Schirm an und fühle, wie sich meine Körpergewicht vom Boden freisetzt. Mit einem weiteren großen Schritt bin schließlich ich in der Luft und rutsche zurück in mein Gurtzeug.

“Wow!”

Sarankot | Credit: Tobias Dimmler @betweensummitandsky

Ich wende mich von den Bergen ab, steige neben dem Terrain auf und werde heftig angehoben, als ich über ein noch leicht schwelendes Buschfeuer gleite. Nur Sekunden später befinde ich mich über dem Kamm. Nicht mehr als 50 Meter über dem Gelände schraube ich eine Acht nach der nächsten in den Himmel, um weiter an Höhe zu gewinnen. Mit jeder Umdrehung wechselt die Perspektive zwischen dem Himalaya und den Kammlinien, die herab bis in die Ebenen von Indien reichen, irgendwo im Süden unter einer Decke von Quellwolken.

Leichte Wolken bedecken ganz plötzlich die unteren Bereiche des Gebirgsrückens, so dass ich wieder auf die Seite des Kamms steuere einen Kurs zwischen Dschungel und Wolke an, so dass ich weiterhin visuell gut navigieren kann. Im Wolkenschatten gibt es wenig aufsteigende Luft und es sieht so aus, als würde ich irgendwo im Tal landen. Pokhara per Flug zu erreichen, wäre schön gewesen, aber ich werde glücklich sein, wenn ich nur sicher nach unten komme.

Ein schmaler Geländegrad vor mir und bietet eine letzte Möglichkeit, doch noch länger in der Luft zu bleiben. Wenn ich es zu dessen sonnenverwöhnter Südseite schaffe, dürfte ich aufsteigende Luft erwarten. Ich erreiche den Lift über dem Dorf Lwang und gewinne tatsächlich erneut an Höhe. Der Sarankot-Kamm, der mich von Pokhara trennt, scheint noch nicht im Bereich des Möglichen zu sein, aber ich fliege immer noch, begleitet von einem absoluten Hochgefühl. Je länger ich in der Luft bleibt, desto stärker entwickelt sich der Lift, die Schatten gehen zurück und das Unmögliche wird plötzlich verlockend. Ich lasse die Würfel rollen und erinnerte mich an ein Mantra aus der Geschichte der letzten Nacht:

“Falls du zweifelst, gehe tiefer.”

Über Sarangkot in Richtung Lakeside Pokhara | Credit: Tobias Dimmler @betweensummitandsky

Ich steuere über die Dschungel-Rückwand des Tals und beobachte auf dem Höhenmesser-Diagramm meinen Abstieg. Obwohl ich dies antizipiert hatte, bringt der schattige Dschungel kalte, sinkende Luft und es fällt schwer, die Anzeige zu beobachten, ohne gleichzeitigden Mut zu verlieren.

Fingerzeig von weiteren Mantras, frisch aufgeschnappt in der letzten Nacht:

“Halte dich an den Plan, jetzt nicht stürzen! Glaube an dich!”

Mit wenig Höhe als Puffer erreiche ich die blanke Schulter und finde dort jene aufsteigende Luft, von dessen Existenz ich überzeugt gewesen war. Die nächste Ridgeline sieht jetzt gut erreichbar aus, aber es bleibt nicht lange Zeit, darüber nachzudenken: Die Wärme der aufsteigenden Luft, in der ich kreise, hat sich gerade aufgelöst und mit meinem nächsten Kreis werde ich an Höhe verlieren. Ich werfe die Würfel erneut, drehe mich heraus und schlage einen Kurs auf den nächsten Kamm ein, erreiche ihn so tief, dass ich deutlich die Gesichter der Kinder erkennen kann, die mir motivierend zurufen.

Phewa Tal | Credit: Tobias Dimmler @betweensummitandsky

Für ein paar unangenehme Momente scheint es so, als müsse ich kämpfen, um in der Luft zu bleiben. Dann nutze ich meine vorher abgespeicherten Infos, ändere meine Flugrichtung zum südlichen Abschnitt und arbeite meinen Weg entlang des Gebirgskamms, erst auf- und dann wieder absteige. Dann drückt mich die Thermik so stark hoch, dass ich direkt über den Sarangkot und in das Tal von Pokhara blicken kann. Zuhause! Eine Welle der Begeisterung erfasst mich und mit einem stärkeren Gefühl der Gewissheit als nur der Hoffnung, dass ich das letzte Tal überquere, steige ich am Kamm hinauf und lande, entgegen aller Erwartungen, exakt am Seeufer, wo ich nur 36 Stunden vorher stand.

Das überwältigende Gefühl ist Ungläubigkeit über den Paradigmenwechsel. Ich habe gerade völlig neu definiert, was für möglich gehalten hatte. Mein Verstand ist wie benebelt, sensorische Überlastung. Ich bin völlig erschöpft und begeistert zugleich. Wie konnte das passieren? Es gab viele Unwägbarkeiten unterwegs, aber vielleicht kann ich es mit diesem einfachen Mantra herausfiltern:

“Man muss schon mitspielen, um eine entscheidende Partie gewinnen zu können.”

Es boten sich zahlreiche Gelegenheiten, frühzeitig auszusteigen, zurückhaltender zu agieren, sein Leistungsvermögen selbst kleinzureden: zu zweifeln. Stattdessen vertraute ich: Ich vertraute anderen, vertraute mir und wagte einen herausfordernden Schritt ins Unbekannte. Was ich dort gefunden habe, wird eine bleibende Veränderung in mir hinterlassen, ein Leben lang.

Entspannung als Belohnung | Credit: Tobias Dimmler @betweensummitandsky

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