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MTB

Digging Deep | Dan Atherton: Leidenschaft als Trailbauer im Zeichen des Fortschritts

"Früher habe ich meine Hände in Geschirrtücher gewickelt, um Blasen von der Schaufel zu vermeiden"

„Es dreht alles einzig und allein um Fortschritt. Vom ersten Tag an, seit ich die Schaufel in den Händen hiet, war ich fasziniert von der Verbindung zwischen dem Bauen und Biken.“

Der Mann, der hinter diesen Worten steckt, ist Dan Atherton – der Älteste aus der berühmtesten Mountainbike-Familie und zugleich einer, dessen Name nicht nur als Synonym für den Sport, sondern auch für das Bauen von Trails steht.

Der 34-Jährige verbrachte lange Zeit im Downhill World Cup und krönte sich zum viermaligen Champion in Großbritannien. Noch heute nimmt er an Wettbewerben wie zum Beispiel der Enduro World Series teil. Und das, obwohl ihm oft Verletzungen und Pech im Wege standen.

Dan wurde oft als einer der besten Fahrer unserer Zeit mit einem unnachahmlichen Style betitelt. Doch seine wahre Leidenschaft liegt abseits des Sattels irgendwo im Wald, mit nichts anderem als einer Schaufel in der Hand und der Vision eines neuen Trails im Kopf.

Foto: Rutger Pauw

Ohne Schaufel entstehen eben keine Parks und ohne Parks findet kein Mountainbiken statt – oder zumindest ein großer Teil davon würde fehlen. Genauso wie fahrbare Untersätze überhaupt erst gebaut und Reifen aufgepumpt werden müssen, bevor man loslegen kann, so muss auch der Untergrund erst in Form gebracht werden, um sich die volle Ladung Dopamin bei der Abfahrt abzuholen.

Es sind Schaufeln und Bagger im Zusammenspiel mit Lehm, Kettensägen und Holz bei der Konstruktion von Trails essentiell und bilden den Kern des Sports. Genau damit identifiziert sich Dan.

“Früher habe ich meine Hände in Geschirrtücher eingewickelt, um Blasen von der Schaufel zu vermeiden”

„Wir sind in einem kleinen Dorf namens Kerswell aufgewachsen“, erzählt uns der in Salisbury geborene Rider: „Direkt neben dem Ort gab es viele unberührte Landstriche, wo wir Trails bauen konnten. Doch damals gab es noch keine Sozialen Netzwerke und Geld für Magazine hatten wir auch nicht, sodass wir anfangs nicht wirklich wussten, was wir bauen sollten.“

„Ich war in etwa zehn Jahre alt, als ich das erste Mal zur Schaufel griff und anfing, einfach das zu konstruieren, worauf ich gerade Lust hatte. Am Ende entstand dann eine Mischung aus Downhill Track und Dirt Jumps. Wir mussten unsere Räder nach jedem Ride über die Straße wieder hoch zum Start schieben, um auf unseren alten BMX-Bikes erneut die Strecke mit eingebauten Rampen zu fahren.“

„Wir wollten uns nicht auf unsere Eltern verlassen müssen, um an bestimmte Orte zu gelangen. Wenn wir also Lust auf größere Jumps hatten, waren wir gezwungen, uns die Möglichkeiten selbst zu erschaffen. Ich zog aber auch meine Lehren daraus: Je härter man investiert, desto mehr kommt am Ende dabei heraus.“

Diese Erfahrungen haben Dan wie kaum etwas anderes geprägt. Er arbeitet nicht halbherzig und steckt unglaublich viel Zeit in die konsequente Maloche mit der Schaufel. Auch deshalb sind seine Trails berüchtigt für ihre Heftigkeit.

“Ich beginne damit, auf allen Vieren zwischen den Bäumen umherzukriechen, um mögliche Gegebenheiten im Unterholz aufzuspüren, die nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar sind und später einmal Teil der Strecke werden könnten.”

Aufzuwachsen mit zwei Geschwistern, Gee und Rachel, die beide später Downhill-Weltmeister wurden, hat ihn auf natürlichem Wege angestachelt, nicht nachzulassen und konstant hundertprozentige Arbeit in seine Trails zu stecken. „Wir haben schon jung gelernt, dass es sich lohnt, oft an seine Grenzen zu gehen, und das hat sich auch im Alter nicht verändert“, erläutert Dan.

Der Sportler und Macher stellt klar, dass es bei der Konstruktion seiner Routen nicht darum geht, diese an den Fahrstil seiner Geschwister perfekt anzupassen, sondern dass er seine Inspiration in erster Linie im Gelände selbst bekommt. Seine Methoden, wie er dann im Endeffekt diese Inspiration in der Natur findet, sind für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar.

Foto: Rutger Pauw
Foto: Laurence Crossman-Emms
Foto: Laurence Crossman-Emms

„Ich beginne damit, auf allen Vieren zwischen den Bäumen umherzukriechen, um mögliche Gegebenheiten im Unterholz aufzuspüren, die nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar sind und später einmal Teil der Strecke werden könnten. Ich versuche, die Gegebenheiten zu nutzen und nicht gegen sie anzukämpfen. Deshalb ist das Gelände auch immer die Ausgangslage, an der ich mich orientiere, wenn ich einen neuen Trail baue.“

„Dann ziehe ich eine grobe Route entlang des Hangs. Glücklicherweise funktioniert das GPS des iPhones auch ohne Empfang, was das Leben enorm vereinfacht. Ich markiere dann in der Karte all jene Teile des Trails, die ich definitiv als Elemente integrieren möchte und verbinde sie im Anschluss, um einen groben Streckenverlauf zu erhalten.“

„Es gilt also, das bestehende Terrain soweit es geht natürlich zu nutzen, denn es ist wichtig, dass die Strecke später einen guten Flow bekommt. Daher ist es auch nicht sinnvoll, ein, zwei weitere vermeintlich coole Obstacles in die Line einzubauen, wenn dadurch der Flow gefährdet werden würde.“

„Der schwierigste Part ist das Entwässern. Es ist immer wieder faszinierend, wie viel Wasser sich an der Oberfläche des Set-Ups ansammelt und wieviel Lehm weggespült wird. Alle paar Monate muss die Oberfläche der Strecke erneuert werden. Dafür habe ich früher meine Hände in Geschirrtücher eingewickelt, um Blasen von der Schaufel zu vermeiden.“

Eines ist sicher: Dan steckt mehr Arbeit in den Bau seiner Strecken als die meisten anderen Trailbauer. Seine Theorie in Bezug auf die Mühe, die man in etwas steckt, gewinnt dadurch noch mehr an Glaubwürdigkeit, denn seine Tracks sind phänomenal zu fahren.

Der älteste Atheron sorgte weltweit bei Zuschauern vor den Bildschirmen für verschütteten Kaffee, als erstmals Footage von seinem Werk für die Red Bull Hardline 2015 zu sehen war. Dieser Trail wird von vielen als die bis dato anspruchsvollste Downhill-Strecke der Welt bezeichnet.

Vollgepackt war der Track mit überdimensionalen Obstacles, die selbst den besten Mountainbikern der Welt Furcht einflößten. Auf dem Bild unten sollte man schnell erkennen, warum dieses Road Gap so berühmt-berüchtigt ist. Es gab aber auch Features in der Strecke, die so hart waren, dass sie gänzlich unberührt blieben.

„The Renegade“ etwa – ein nahezu vertikaler Step-Up, der so groß war, dass sich keiner der Rider daran traute. Sogar nach der der allgemeinen Ablehnung des Obstacles sollte Dan selbst sich in beängstigender Manier im Training auf dem Kurs die Schulter brechen und sich somit aus seinem eigenen Event befördern. Zahlreiche Verletzungen seiner Kollegen folgten.

Foto: William Carey

„Dan hat da einen Hit eingebaut, der so radikal war, dass ihn einfach niemand springen konnte“, kommentierte damals Gee Atherton das Teufelswerk seines Bruders. Ein durchaus angemessener Einblick in die Art und Weise, wie Dan beim Bau vorgeht – größer und anspruchsvoller planen als alles, was zuvor existiert hat, inklusive Trial-and-Error-Methode während des Entstehungsprozesses, der häufig mit einer Fahrt ins nächste Krankenhaus endet.

„Letztes Jahr beim Hardline war ich echt nervös“, gibt er zu: „Wir lagen schon knapp in der Zeit und es hörte einfach nicht auf zu regnen. Schließlich hatten wir vor dem Event eine kurze Regenpause und jeder hatte Bock, vor dem Event noch einige Sachen zu fahren. Es gab nur ein Problem: Wir haben so lange an den einzelnen Großprojekten der Strecke gearbeitet, dass sie für uns schon fast zur Gewohnheit wurden.“

„Rückwirkend muss ich sagen, dass ich den Sprüngen im Vorfeld nicht den nötigen Respekt gezollt habe, der vielleicht angemessen gewesen wäre; deshalb zahlte ich den Preis mit der Verletzung. Manche Elemente des Trails sind wir letztlich gar nicht gesprungen und manche haben wir verkleinert. Doch egal wie es ausging, eines habe ich gelernt: „chill out!“

Es wird spätestens nach dem Gespräch offensichtlich, dass Dan einer der kreativsten Köpfe in der MTB-Welt ist. So vertieft in seinem Element des Bauens, dass es ihm wahrscheinlich mindestens so wichtig ist wie das Fahren der Trails an sich.

Foto: Rutger Pauw
Foto: Laurence Crossman-Emms
Foto: Rutger Pauw

„Die Genugtuung nach Vollendung der Strecke hält nur kurz“, erzählt Dan, „mir gefällt besonders der Prozess des Bauens und Probierens, ich mag den Fortschritt dabei. Nach Abschluss der letzten Bauphase und ein paar Wochen Spaß am Riding verliert er bereits seinen Reiz ein wenig.“

Seine Freude am Zusammenführen von Menschen, seine Leidenschaft für Innovation und das Investieren von Zeit, um einen Trail anständig zu bauen, bietet Inspiration für viele und wird es auch künftig bleiben.

Dan ist Anhänger der Regel „no dig, no ride“ – „eine Person, die Blut und Wasser während des Bauens geschwitzt hat, kann am besten beurteilen, ob der Trail cool ist.” Daher wird er auch wütend, wenn er auf schlecht gebaute Trails stößt.

Zusammengefasst ist Dan verdammt gut als Fahrer und mindestens genauso gut als Schöpfer der Strecken. Er steht drauf, wenn der Trailbau mit vollem Herzblut umgesetzt wird und verabscheut gleichzeitig den Kommerz des Mountainbike-Booms.

„Ich weiß, wie lange es dauert, gewisse Sections einer Strecke oder einen ganzen Wettkampftrails zu bauen. Also kann ich auch beurteilen, wie viel Arbeit die Organisatoren von Events in die Veranstaltung gesteckt haben – und da gehen Erwartungen und Realität häufig auseinander. Das nervt mich richtig.“

Der Bagger von Dan wird von Sponsor DG Mills gestellt | Foto: Dan Atherton

„Wenn es eine private Strecke ist, dann kann der Zustand ja sein, wie er will. Aber wenn die Rider für Trails Geld ausgeben müssen, dann sollte er gefälligst anständig sein! Den Zustand der Piste vom Umsatz bei einem Event abhängig zu machen, ist absoluter Bullshit. Wenn die Leute dafür Geld zahlen, dann muss die Strecke perfekt sein, egal ob es am Ende finanziell Sinn macht oder nicht. Wenn jemand dafür löhnt, muss man auch liefern!“

„Meine Wunschvorstellung war immer ein derart großes Projekt, dass es niemals fertig wird. Es sollte ständig erweitert und über Jahre kontinuierlich besser werden. Das Projekt, an dem wir gerade im Dyfi Forest [in Wales in der Nähe des Ortes, in dem Dan lebt] arbeiten, lässt sich definitiv in diese Kategorie einstufen.“

„Es ist ein riesiges Konzept, das jede Woche weiter wächst. Ich denke nicht, dass es jemals fertiggestellt wird.“

Die Leidenschaft hört man klar und deutlich in der Stimme des Riders. Die Resultate sind im Fortschritt ersichtlich, den eben diese Passion der Szene gebracht hat.

Alles beginnt mit einer Schaufel beim Mountainbiken und für Dan Atherton wird es niemals beendet sein. Es wird sich verändern, entwickeln und erweitern. Es wird zum nächsten Traum, zur nächsten Innovation oder zum nächsten großen Kicker, der dich wieder einmal dein Getränk verschütten lässt. Aber eine Sache ist ganz sicher: Der Prozess wird nie enden.

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