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Adventure

Deep Blue | Hawaiianische Speerfischerin Kimi Werner taucht mit Weißen Haien

Die amtierende US-Meisterin führt auf der Insel Maui ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur

Von Nina Zietman

Fotos: Justin Turkowski

Im Jahr 2013 war Kimi Werner auf einer Forschungsexpedition über Haie mitten im Ozean, doch die Gruppe hatte den ganzen Tag keinen einziges Exemplar gesehen. Als sich der Tag dem Ende zuneigte, sprang Kimi noch einmal ins Wasser, um schwimmen zu gehen. Sekunden später merkte sie, wie ihr Tauchpartner sie an der Schulter griff. Sie wusste sofort, was los ist.

“Ich sah den Kopf des größten weißen Haies, den ich je gesehen hatte – nur ca. einen Meter entfernt”, erzählt sie mit aufflammender Begeisterung in der Stimme. Sie war nicht von einem Haikäfig geschützt und so wusste Kimi, dass zwei Möglichkeiten im Raume standen: versuchen, sich so schnell wie möglich vom Hai zu entfernen oder genau das Gegenteil machen und auf den Hai zuschwimmen. “Und genau das machte ich.”

Da Kimi eine professionelle Freediverin und Speerfischerin ist, versteht sie die Wichtigkeit der Körpersprache gegenüber Meeresbewohnern. “Sofort als der Hai auf mich zukam, wusste ich, dass ich mich auch ihm nähern musste. Es hat sich wie ein Rhythmus angefühlt, wie ein Tanz.” Indem sie auf den Hai zuschwamm, vermittelte sie ihm, dass sie am heutigen Tage die Jägerin und nicht die Beute ist.

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Foto: Justin Turkowski

“Dann kam der Punkt, an dem ich entweder den Hai berühren oder mich schnell umdrehen und an die Oberfläche schwimmen konnte. Langsam streckte ich meinen Arm aus und umfasste die Rückenflosse des Hais, um ihm zu zeigen, dass ich da bin. Es war der schönste und intensivste Moment, wir schwammen in Zeitlupe.”

Kimi veröffentlichte das Videomaterial nicht sofort, weil sie die Leute nicht ermutigen wollte, mit Haien zu schwimmen oder gar sie zu berühren, was eigentlich als verpönt gilt. Wie auch immer, ein paar Tage später sickerte das Video durch, landete im Internet und wurde ein viraler Hit, Kimi schnell berühmt als “Frau, die auf dem Rücken eines Hais schwamm”. Aber es gehört mehr zu ihrer Story, als du vielleicht denkst.

Die 36-Jährige wuchs in Hawaii auf, schwamm im Ozean und beobachtete ihren Vater beim Speerfischen. Kimi konnte sich ihr Abendessen aussuchen, ihr Dad tauchte und fing es für sie.

“Du musst unter Wasser immer aufmerksam und präsent sein, denn du jagst, während du deinen Atem anhältst.”

Als es um den Karriereweg von Kimi ging, wollte sie zunächst Künstlerin werden. Sie studierte für einen Kochabschluss, um im Restaurantbusiness zu arbeiten und wurde später Kunstlehrerin an einer Grundschule, doch sie war nicht zufrieden. “Es ging darum, den Kids zu vermitteln, ihren Leidenschaften nachzugehen, aber ich hatte selbst noch zwei unvollendete Träume. Mir dämmerte, dass ich nicht einfach nur warten konnte bis etwas passiert.”

Sie erinnert sich daran, als sie ihrer Chefin mitteilte, dass sie ihren Job kündigt und Künstlerin wird. “Sie schaute mich an und fragte: ‘Und was machst du noch?’ Ich lachte und erwiderte: ‘Ich dachte an Speerfischen’”, beschreibt Kimi den Moment.

Sie entdeckte im Alter von 24 Jahren die Leidenschaft ihres Vaters in sich wieder. Den Atem anhalten und mit einer Harpune unter Wasser tauchen, um Fische zu fangen: “Es war wie Hals über Kopf verliebt zu sein”, erklärt sie uns. Tauchen machte mich so glücklich. Es hat mioch in einer Weise verändert, wie es nichts anderes auf der Welt verursachen könnte. Es ist so zufriedenstellend mit einer Harpune auf die Jagd zu gehen und mit einem Abendessen wieder an Land zu kommen.”

Photo: Justin Turkowski

Es war aber nicht leicht als Künstler und Speerfischer leben zu können. “Es gingen mir all diese Stimmen durch den Kopf, die sagten ‘du bist verrückt, warum gehst du tauchen, wenn du arbeiten solltest?’ Doch sobald ich ins Wasser eintauchte, waren all diese Stimmen weg. Dort gab es nur mich und den Ozean, ich fühlte mich nach dem Tauchen einfach viel besser und erfüllter.”

Zuerst nahmen nur wenige Leute Kimis Leidenschaft ernst und so hatte sie Probleme, ebenfalls ambitionierte Tauchpartner zu finden. Doch als sie begann, frisch gefangenen Fisch zu den Grillabenden von Freunden mitzubringen, begannen die Leute es langsam zu verstehen. Kimi wurde unter die Fittiche von zwei hawaiianischen Super Elite Spearfishing Champions genommen: Wayde Hayashi und Kalei Fernandez. Sie brachten ihr bei, bis in Tiefen von knapp 50 Meter vorzudringen und ihren Atem 4 Minuten und 45 Sekunden anzuhalten.

Wayde und Kalei schulten sie außerdem, sowohl barmherzig als auch selektiv bei der Fischerei zu sein. “Ich beobachte die ganze Zeit Menschen, die aggressiv mit ihrer Harpune hinter dem Fisch herschwimmen und es funktioniert nie”, erklärt Kimi: “Ein Fisch kann viel schneller als wir schwimmen. Wenn er spürt, dass du ihn fangen willst, ist er weg.”

“Kimi nervt den Oktopus, bis er erscheint, schaut dann ob es ein Keeper ist oder nicht und schlägt ihre Zähne in das Gehirn des Tieres, genau zwischen die Augen”

Kime lernte es Fische zu ködern, indem sie sich von ihnen abwendet und vortäuscht, Angst vor ihnen zu haben. “Dann schieße ich sie ab. Wenn ich mit Harpune fische, tauche ich in diese schöne Welt ein, ich werde Teil davon, nehme keine Sekunde unter Wasser für selbstverständlich.”

Eine von Kimis bevorzugten Delikatessen ist Oktopus. Bevor sie ihre Harpune willkürlich in das Loch schießt, in dem sich das intelligente Tier versteckt, nervt sie ihn lieber, bis er wieder erscheint, schaut dann ob es ein Keeper ist oder nicht und schlägt dann ihre Zähne in das Gehirn des Oktopus, genau zwischen die Augen. “Wenn du es einmal knacken hörst, ist das Tier sofort tot. Ich kenne keinen besseren Weg, ein Tier zu töten.”

Kimi trainierte das Freitauchen und Speerfischen immer weiter, wollte aber den nächsten Schritt gehen und begann, an Wettbewerben teilzunehmen. Wayde und Kalei haben Contests an den Nagel gehängt, als ihr bester Freund Gene Higa während der nationalen Freediving Championsships in Hawaii ums Leben kam. Kimi wusste aber, dass sie sich Wettbewerben widmen würde.

Zu dieser Zeit war sie noch keine gesponserte Athletin. Sie sparte genügend Geld zusammen, um vier Tage bevor der Wettkampf startete nach Rhode Island an der Ostküste Amerikas zu reisen, um dann herauszufinden, dass die Bedingungen nicht wie in Hawaii waren.

Wenn Kimi jedoch eine Sache vom Freediven gelernt hat, dann dass sie in stressigen Situationen ruhig bleiben muss. “Mein Vater sagte mir immer, dass Panik das Schlimmste ist, was dir passieren kann. Ich bleibe einfach ruhig und schaue, was zu machen ist. Einfach in bestimmten Situationen einen Gang zurückzuschalten, hat mir definitiv schon das Leben gerettet.”

“Alles, was ich im Leben wirklich wollte, wurde mir oft zuerst ausgeredet, bevor es endlich klappte.”

Sie fand tatsächlich noch den Meeresgrund und die Sicht dort unten war deutlich klarer dadurch, dass die Muscheln das Wasser reinigen. Vier Tage später gewann sie die National Championships und wurde Erste in jeder Kategorie, in der sie antrat, inklusive des Titels Rookie of the Year.

Als sie zurück nach Hawaii kam, wurde Kimi wie eine kleine Heldin empfangen und in die Öffentlichkeit gedrängt. Magazine wollten Cover-Fotos schießen, sie wurde mit Interviewanfragen überfrachtet. Kimi gab zu, dass es anfangs cool war, ihre Kunst begann sich langsam zu verkaufen, sie nahm an Veranstaltungen auf der ganzen Welt teil und wurde dafür bezahlt. Doch nach einigen Jahren hatte das Tauchen auf Wettkämpfen das gewisse Etwas verloren.

“Die Wettkämpfe haben meine Einstellung geändert und Tauchen bedeutet für mich nicht mehr so viel wie früher. Wenn ich für mich selbst jagen ging, dachte ich bei jedem erledigten Fisch an einen Punkt. Das war nicht das, was mein Vater mir beigebracht hat”, realisierte sie. Der einzige Weg, die Leidenschaft aufrecht zu erhalten, war es den Wettbewerben den Rücken zu kehren.

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Foto: Justin Turkowski

“Ich dachte meine Speerfischerei Karriere sei vorbei und ich würde all meine Sponsoren verlieren. Es war eine schwierige Entscheidung und es zog mich für eine Zeit ganz schön runter. Ich konnte eine Zeit lang nicht mehr Fischen, da mein Kopf aufgrund von selbstkritischen Gedanken total verwirrt war. Man muss im Wasser jedoch immer aufmerksam sein, denn man jagt, während man den Atem anhält. Mein Kopf war für lange Zeit ein zu großes Durcheinander.”

Doch eines Tages änderte ein Tauchgang alles. “Ich war mit ein paar Freunden auf der Jagd ohne Erfolg und fühlte mich träge”, sagte sie. Sie wollten gerade aufhören, als Kimi sich dazu entschied, doch noch einen Tauchgang zu machen. “Ich sank hinab zum Grund und lag da. Ich weiß nicht wie viele Minuten vergingen.

“Ich blieb ruhig und dieses Gefühl der Stille kam zurück. Es war wie nach Hause kommen, so lange hatte ich dieses Gefühl nicht mehr gehabt. Als ich wieder auftauchte, war ich zurück – wie wiedergeboren. Seit diesem Zeitpunkt macht es mir nichts mehr aus, wenn ich keinen Fisch fange, denn das Gefühl der Freiheit ist zurück.”

“Wir töten jeden Tag unschuldige Tiere. Du hast vielleicht keine Harpune in der Hand, aber solange du Tiere isst, bist du für ihren Tod auch verantwortlich.”

Kimi kehrte zu ihren Wurzeln zurück und fing nur noch Fische, um sie mit ihren Freunden und der Familie am Strand zu grillen. Sie fing an, abseits der Wettkämpfe von Thailand bis zum Polarkreis die Welt zu bereisen und lernte, wie andere Leute Fisch zubereiten und mit ihren Ressourcen umgehen.

“Das Jagen ist für mich heilig. Wenn ich einen Fisch esse, dann töte ich ihn vorher mit meinen eigenen Händen. Wir alle töten jeden Tag unschuldige Tiere. Du hast vielleicht keine Harpune in der Hand, aber solange du Tiere isst, tötest du sie auch. Du zahlst nur jemanden dafür, dass er diese Arbeit für dich übernimmt.”

“Ich habe mir früher Fleisch gekauft und mir war es egal, ob ich es gegessen habe oder nicht. Das Jagen hat mich gelehrt, dass das für mich mittlerweile die falsche Einstellung ist. Wenn ich einen Fisch fange, dann bin ich sehr wählerisch, mit wem ich den Fisch teile und verschwende nichts. Wenn jeder Mensch alles vom Tier essen würde und nicht nur das Beste davon, dann würden wir in einer nachhaltigeren Welt leben.”

Photo: Justin Turkowski

Kimi startete, ihre Erlebnisse im Social Media zu teilen und gewann eine große Community, die an Kimis Liebe zum Ozean, der Umwelt und an einer nachaltigeren Welt interessiert waren. “Mir bringt es mehr, den Leuten davon zu erzählen, anstatt Trophäen zu gewinnen.”

Sie opferte letztlich nicht ihre Karriere, sondern gewann sogar neue Sponsoren, die sich für ihre Eigenschaften und ihren Charakter und ihre Ansichten interessierten. Sie wurde ein Ambassador von Patagonia und reist nun um die Welt, um ihre Message zu verbreiten.

“Alles, was ich im Leben wirklich wollte, wurde mir oft zuerst ausgeredet, bevor es endlich klappte. Wenn du wirklich dein Leben ändern willst, dann musst du es durchziehen. Du kannst es dir nicht nur wünschen und hoffen. Nur wenn du leidenschaftlich genug bist, dann wirst du es schaffen.”

Schau dir Kimi Werners inspirierenden TED-Talk an.

 

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