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Outdoor

Wild Walls | Fontainebleau – Eldorado für Boulderer aus der ganzen Welt

In einem einzigartigen Waldgebiet 50 km südlich von Paris liegt das ultimative Boulderparadies

Text & Fotos von Mike Brindley

Wenn du schon einmal ein zahmes Tier länger beobachtet hast, sind die Chancen groß, dass dir etwas aufgefallen ist. Die kleinen Momente, in denen die wahre Natur dieser Tiere zumindest unterschwellig zum Vorschein kommt und man realisiert, dass es eigentlich in die Wildnis gehört. Eisern nach dem Willen des Menschen erzogen, in Harmonie mit seiner Umwelt und möglicherweise ab und zu auch unberechenbar.

Wenn du von einem Trip an eines der weltweit beliebtesten Ziele für Boulderer wieder nach Hause zurückkehrst, könnte deine Gefühlslage gegenüber Boulderhallen eventuell ähnlich ausfallen. Man kann einen Hauch der Wildnis in seiner eigenen Aktivität wittern, doch von künstlichen Wänden ohne jegliche Natur umgeben, ist es einfach niemals das gleiche Gefühl.

Wie auch immer, die Routen können sich ähneln und bieten großartige Trainigsmöglichkeiten für den Ernstfall am Felsen. Und wenn du wirklich ein passionierter Boulderfreak bist, dann solltest du dich glücklich schätzen, dass ein Bouldermekka direkt in unserem Nachbarland, nur eine Stunde südlich von Paris liegt. Dort findet man Tausende Findlinge mit unzähligen natürlichen Boulderrouten, eingebettet in einem lichten Wald mit sandigem Untergrund.

Dieses Paradies heißt Fontainebleau.

Wenn du schon eine Weile boulderst, dann hast du wahrscheinlich bereits von Fontainebleau gehört. Besonders Gespräche zwischen Kletterern, die dort waren, hört man öfters. Viele planen nach ihrem ersten Trip dorthin sofort den nächsten, denn es gab mindestens die eine Route, die sie nicht geschafft haben und unbedingt bezwingen wollen. Das Traumziel ist ein offenes Geheimnis.

“Mit jemandem, der gerade aus Font zurück kommt, über sein Indoor Bouldering zu reden ist so, als wenn jemand über einen Streichelzoo erzählt und man gerade erst von einer Safari zurückgekommen ist.”

Die Skala dort ist nicht vergleichbar mit den Schwierigkeitsgraden in Kletterhallen. Wer in der Halle eine V6 schafft, hat in Font eventuell mit einer 6a trotzdem schwer zu kämpfen. Wenn du jemandem, der aus Font kommt, über deine Skills in der Halle sprichst, ist das so, als wenn jemand von einem Streichelzoo erzählt und man gerade erst von einer Safari zurückgekommen ist. Dieses schwierigen Einstufungen können natürlich auch den eigenen Stolz etwas angreifen…

Die Ehrfurcht vor Bleau gibt es nicht ohne Grund. Egal, ob du es anderen unter die Nase reibst oder nicht, doch in Font zu klettern ist viel härter und ein einschneidenderes Erlebnis, als in einer geschützten Kletterhalle zu bouldern. Dank der Lage sind nahezu alle Routen gut von jedem erreichbar. Hier sind ein paar gute Gründe, warum du unbedingt dem berühmten Wald von Fontainebleau einen Besuch abstatten solltest.

Um in Fontainebleau klettern zu können, braucht man Kletterschuhe, Chalk und eine Bürste sowie Bouldermatten und einen anständigen Guide, in dem die Routen der jeweiligen Gebiete in Bleau verzeichnet sind. Hier ist ein kleiner Einblick, auf was du dich gefasst machen musst.

Griffe

Jede gegebene Route in Font lässt dich erneut überlegen, was genau du als Klettergriff definierst…Wenn du nur die Plastikgriffe aus der Halle gewohnt bist, wird sich dieser Effekt verzehnfachen. Lass dich nicht frustrieren!

In natürlicher Umgebung, auch bei einfacheren Routen, kann ein Fußtritt nur ein klein bisschen mehr als eine winzige Kante oder ein kleines Grübchen sein. Das kennt man normalerweise nur von Routen über seinem Niveau in der Halle, doch in Font muss man damit umgehen, seiner Fußarbeit und Technik vertrauen. Nimm dir deine Zeit, bereite dich darauf vor, visualisiere deine Kletterzüge, nimm einen tiefen Atemzug und es wird auch mit diesen Griffen klappen – egal, was dein Kopf sagt.

Ähnliches gilt auch für die Hände, die es häufig mit dem Sloper zu tun bekommen. Das Gestein ist natürlich dauernd dem Wetter ausgesetzt und bietet dadurch leichte Rillen und Auswaschungen, die dir helfen, genügend Grip zu bekommen. Sloper sollten den meisten bekannt sein, doch in Font kannst du auch am Ende der Route auf einen treffen, sodass das “Topping Out” (auf den Felsen klettern, um den Boulder zu beenden) extrem schwierig sein kann. Wenn du es gewohnt bist, am Ende der Route einen Jug zu haben, der das Ende der Route bedeutet, kannst es dich in Font zur Verzweiflung treiben, aber nochmal: Der Grip am rauen Stein ist besser, als du denkst. Du wirst überrascht sein, was du im Adrenalinrausch alles halten kannst.

“Crimps” (flache, kurze Kanten für deine Finger) und “Pinches” (kleine Vorsrpüge, die du zwischen den Fingern einklemmst) können gleiche Qualität wie die Fußtritte haben. Sie scheinen auf den ersten Blick nicht möglich zu sein, doch nimm dir die Zeit, damit sich dein Körper daran gewöhnen kann, säubere die Griffe gut und auf geht’s! Wenn die Route im Guide steht, hat sie auch schon jemand geschafft!

Als finaler Kommentar zu den Griffen in Font sei erwähnt, dass du einige Griffe auch in deiner lokalen Kletterhalle wiederfindest. Sei nicht überrascht, die Griffe aus Font werden oft als Inspiration verwendet und dementsprechend in Form gegossen. Die folgenden Bilder zeigen das Herz aus Stein, in der gleichnamigen Route in Font und seinen Bruder aus Plastik dazu. Welcher Griff ist wohl einfacher zum halten?


Wähle deine Route

Wie es so oft beim Outdoorsport ist, hat man zusätzliche Freiheiten – so auch in Font. Dort kommt es auf die richtige Wahl des Routenverlaufs an.

Bei einem Boulderproblem in Font solltest du nicht immer zwingend das komplette Problem inkl. Körperpositionen etc. durchgehen, da du nie alle Griffe und Fußtritte sehen wirst, die sich and der Wand später eröffnen. Der Weg von jemand anderem nach oben ist auch nicht zwangsläufig der beste Weg für dich ans Ziel. Versteife dich also nicht unbedingt darauf, wie dein Kumpel die Route gelöst hat oder welche Vorschläge und Ansätze dir der Guide gibt. Finde deinen eigenen Weg.

Du wirst vielleicht realisieren, dass deine Kletterpartner mit ähnlicher Größe und Armspannweite einen vergleichbaren Ansatz wie du haben werden. Doch nichtsdestotrotz solltest du deiner Kreativität freien Lauf lassen. Wenn du gerne deine Fersen über deinen Armen auf einem Tritt haben willst, auf geht’s. Achte vielleicht darauf, dass im Falle eines Sturzes alles mit Matten und Spottern gesichert ist.

Projekte angehen

Wenn du vor Ort ankommst, solltest du nicht vergessen, dass du ausreichend Zeit mitgebracht hast – lerne die Kunst des “Projekts” kennen. Deine Leistungsfähigkeit wird schnell mit jeder gemeisterten Route steigen.

Das Gute an Font ist, dass du Zeit hast, dich auf eine schwere Route über mehrere Tage einzustellen, es sei denn, du legst dort nur einen Zwischenstopp ein oder kommst in der absoluten Hauptsaison. Auch wenn es mal an einem sonnigen Tag mehr Kletterer werden können, ist es nichts im Gegensatz zum After-Work-Rush in der Kletterhalle.

Die Boulderprobleme in Fontainebleau werden mit der Anzahl der Versuche einfacher (bis zu einem bestimmten Punkt natürlich). Der Körper findet heraus, wie er sich optimal bewegen muss und speichert die erfolgreichen Kletterzüge ab. Die Abläufe automatisieren sich und die Route wirkt nicht mehr so aufreibend wie am Anfang.

Es ist auf jeden Fall gut, daran zu denken, dass diese Routen – abgesehen von Erosion und menschlicher Dummheit – lange Zeit noch genau so existieren werden. Im Gegensatz dazu werden die Probleme in den Hallen oft umgeschraubt, sodass man vielleicht ein verlockendes Boulderproblem nicht lösen kann, bevor die Route schon wieder verschwunden ist. Wähle dein “Projekt” aka. Problem aus und beschäftige dich mit diesem eingehend. Laufe nicht sofort zum nächsten und gebe die Route auf. So ziemlich jede Herausforderung in Font ist am Anfang schwierig – finde deinen inneren Hippie und hänge dort so lange ab, bis du die Route meisterst. Wenn du sie nicht schaffst, hast du schon einen triftigen Grund in absehbarer Zeit zurückzukommen.

Wetter & alternative Aktivitäten

Das Wetter kann man nicht beeinflussen und so kann es passieren, dass man im einen Jahr jeden Tag Sonne und blauen Himmel hat, während im nächsten Jahr der ganze Kletterurlaub verregnet sein kann.

Jeder trockene Tag ist dann einfach ein Sahnehäupchen, denn wenn die Sonne den Fels trocknet und man dann ein Problem löst, fühlt es sich noch viel besser an. Sogar die Tage, an denen es nicht trocken ist, bieten ein paar Möglichkeiten und ein Tag Pause kann manchmal auch für die Erholung von Muskeln und Handinnenflächen ganz gut sein. Dazu kommt noch, dass man noch zufriedener mit sich sein kann, wenn man Probleme unter nicht idealen Bedingungen löst.

Eine Route (oder vielleicht auch nur die Hälfte) bei Regen zu schaffen ist außergewöhnlich und eher selten, auch wenn es oft nicht so schön ist, wie es sein könnte. Vor allem, wenn man abrutscht und sich dabei etwas anschlägt…

Falls das Wetter dann doch so gar nicht mitspielt, gibt es einige Optionen, die dir den Tag versüßen:

An geschützten Stellen mit Felsdach klettern, Spots auschecken, schlafen, unter regensicheren Spots schlafen, Yoga, auf YouTube einen Guide für dein Projekt anschauen oder die französischen Märkte mit den kulinarischen Vorzügen auskosten.

Erkunden

Font ist mittlerweile schon sehr gut erschlossen und die beliebtesten Routen “speckig” durch zu viel Chalk, doch es gibt keine Zweifel, dass du trotzdem das Gefühl des Entdeckens erleben wirst.

Auch wenn durch den sehr weitläufigen Wald ein paar Straßen führen, kannst du dich – sobald du den Parkplatz verlassen hast und außerhalb der markierten Flächen bist – auf satte Natur freuen.

Aber aufpassen, das riesige Waldgebiet kann schnell zum Labyrinth werden, denn es gibt viele Boulder und Hügel an jeder Ecke. Merke dir deinen Weg, wenn du nicht unbedingt noch mehr Wildnis in deinen Trip einbauen willst.


Zum Teil braucht es sogar einige Zeit, bis man bekannte Routen findet. Auf den Karten sind über 7000 Routen (von 1a-8c) in über 48 verschiedenen Gegenden von Fontainebleau verzeichnet. Und es gibt weitere Sektionen, die gar nicht in den Büchern auftauchen. Um diese zu finden, läuft man schon mal stundenlang durch den Wald. Dabei müsst ihr definitiv darauf achten, euch nicht zu verlieren und zum Parkplatz zurückzufinden.

Du kannst aber mit deinen Erkundungen auch kleiner anfangen. Auch wenn du denkst, dass du in dieser Bereich schon nahezu alle Boulderprobleme gelöst hast, kannst du noch Variationen und Erweiterungen klettern oder reichlich undokumentierte Routen finden. Achte immer auf die weißen Griffe, denn ein paar Routen sind nur daran erkennbar. Du siehst schon, es gibt viel zu erkunden.

Es wurde ohne Zweifel schon oft genug erwähnt, doch wenn die Boulder in der Halle langweilig sind und du noch das ganze Leben vor dir hast, dann fahre nach Bleau, denn dort wirst du nahezu dein Leben lang bestens und abwechslungsreich unterhalten. Auch wenn das Wetter nicht perfekt sein sollte, ist die Gegend dort so schön, dass es sich allein deswegen schon lohnt. Riesige Sandkästen vollbepackt mit massiven Felsen in allen möglichen Formen und Größen, die jeweils ihren eigenen Charakter haben. Man kann dieses Fleckchen Erde einfach nicht nachahmen. Und so lange, wie Font existiert, muss man das zum Glück auch nicht.

Egal, ob das schon immer dein Traum war oder du dir noch keine Gedanken darüber gemacht hast, ob du mal ins Ausland gehen solltest zum Klettern – probiere es einfach mal aus. Wenn du einmal in Font warst, willst du sofort wieder zurück. Garantiert.

@jakesleepsnclimbs on Tire-Bouchon (7a+) at #fontainebleau #climbing #climbing_pictures_of_instagram

A video posted by Mike Brindley (@mikebrindley) on

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