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Motocross

“Ich will Weltpremieren von bahnbrechenden Tricks sehen” | Das Travis Pastrana Interview

Der Chef im Ring des Nitro Circus wirft einen Blick in die Zukunft

“Welcome, sir”, ruft der Concierge, gekleidet wie ein Butler aus der viktorianischen Ära, als ich im prestigeträchtigen Langham Hotel in London eintreffe. “Sind sie hier, um einen unserer Gäste zu treffen?”, fragt er, um indirekt deutlich zu machen, dass verwahrloste Journalisten nicht zur regelmäßig in diesem Etablissement verkehrenden Klientel zählen.

Recht hat er damit, natürlich. Hier treffe ich mich nicht nur mit einem der größten Stars im Bereich Actionsport, sondern mit einem Mann, der die nähere Zukunft einiger der Sportarten entscheidend mitprägen wird. Wie auch immer dieser Fremde wirken wird, eine grandiose Kulisse wie hier scheint angemessen für ein Gespräch mit Travis Pastrana.

Ich sitze zusammen mit dem 13-maligen Medaillengewinner der X Games, im Einklang mit dem Bild von Pastrana, das den meisten vorschwebt: All-American, sauber frisiert, Typ von nebenan. Obwohl natürlich nicht viele von uns tatsächlich Tür an Tür mit jemandem leben, der eine Rampe im Garten hinter dem Haus hat, die groß genug ist, um eine Person zehn Stockwerke in die Höhe zu befördern. 

Die Geschichte mit dem netten Typ von nebenan entspricht jedoch nicht bloß dem Image. Eine mustergültige Haltung wurde Pastrana bereits in jungem Alter eingebläut. Trotz der ihn umgebenden Disziplin (sein Vater war ein Mann des Militärs und sein Onkel Quarterback für die Denver Broncos) konnte der junge Pastrana vom ersten Moment seiner Leidenschaft für Bikes stets auf die volle Unterstützung seiner Familie zählen.

“Meine Eltern meinten: ‘Wenn dir wirklich so viel daran liegt, werden wir da eine Menge reinstecken. Die Familie wird alles dafür tun, um dich nach vorne zu bringen, aber Voraussetzung sind gute Schulnoten. Und wenn du trinkst, ist es vorbei. Wenn du diese Dinge versaust…’”

Thumbs up von Travis Pastrana – Foto: Nitro Circus

Pastrana Senior gab ihm außerdem den Rat: ‘Reize es aus bis nichts mehr geht.’ “Glücklicherweise bin ich immer noch nicht an dem Punkt, wo nichts mehr geht”, erzählt er schelmisch grinsend.

Aber es gibt mehr zur Geschichte des Travis Pastrana zu berichten als strenge Erziehung, volle Unterstützung und sehr offensichtlich enorm viel Talent. Das Gesamtprodukt ist das Ergebnis einer Reihe von perfekten Rahmenbedingungen.

“Ich hatte eine Menge Konkurrenz beim erwachsen werden. Ältere Cousins​​, jüngere Cousins ​​- sie waren alle Athleten. Doch ich konnte weder gut werfen noch konnte ich fangen… “, erinnert sich Travis. “Aber Bikes waren absolut mein Ding. Es war die einzige Sache, bei der ich nicht stärker sein musste. Ich konnte den Gashahn aufdrehen, mehr Risiken eingehen, und ich merkte, dass ich auch noch extrem leidensfähig war.”

“So blöd sich das anhört, es hat mir Selbstbewusstsein für mein ganzes Leben geschenkt. Hätte ich das nicht, wäre ich eine komplett andere Person geworden, wahrscheinlich in die Fußstapfen meines Vaters getreten und auch bei der Army gelandet.” Der Verlust für die Army ist ein Gewinn für uns.

Er gönnte sich eine Pause vom Moto X. “Ich wollte immer meinen Lebensunterhalt mit Dirt Bikes bestreiten” sagt Pastrana: “Ich mag die Rennen. Ich mag den Hass auf die Konkurrenten. Ich mag es, mich damit anzustacheln, dass sie meine Oma geschlagen haben und ich es ihnen heimzahle und sie dafür im Rennen demütige”, erinnert er sich lachend, aber immer noch mit unmissverständlichem Feuer in den Augen.

Also, was hat ihn damals verändert? Was hat seine Karriere weg von den Rennen geführt, um nach anderen Beschäftigungsfeldern Ausschau zu halten?

Der Chef im Ring, Travis Pastrana – Foto: Tristan Kennedy

“Ich wollte bei jedem Event gewinnen, aber man kann keine komplette Saison so fahren [und immer gewinnen]. Man wird eben manchmal nur Fünfter. Damit bin ich immer nur ganz schlecht klargekommen.” Das Gefühl wird jeder ansatzweise nachvollziehen können, der mal beim Monopoly von der ganzen Runde ausgenommen wurde.

Der Verlust für Racing sollte einmaligen Schub für Freestyle bedeuten, spätestens seit Pastrana das Actionsport-Spektakel Nitro Circus aus der Taufe hob, bei dem in jeder Show bewiesen wird, wie hoch, schnell und weit sich Menschen auf Boards und Bikes pushen können.

Nitro Circus ist jetzt ein solches Phänomen, dass es selbst Pastrana als Lichtgestalt der Szene mittlerweile in den Schatten stellt.

“Ich war vom Weg abgekommen und zum ersten Mal echt depressiv”

Als 18-Jähriger hatte ich einige Gehirnerschütterungen direkt nacheinander. Ich habe dann versucht, trotzdem weiter zu trainieren, wurde aber stattdessen sehr krank und war nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu tun. Ich fing an, mich für Autos zu interessieren, aber es endete in einem großen Crash, bei dem ein Freund auf dem Beifahrersitz verletzt wurde.

Der 20-jährige ehemalige Moto X Rider Matthew Bigos sei bei dem Unfall schwer zu Schaden gekommen. Nach dem Vorfall blieb Bigos zunächst von der Hüfte abwärts gelähmt, mittlerweile habe er eine vollständige Genesung geschafft.

“Zum ersten Mal fühlte ich mich echt depressiv”, gesteht Pastrana. “Ich war vom Weg abgekommen. Eigentlich wollte ich nur weiterfahren, und ich war einfach…”, Travis stockt kurz, fängt sich aber direkt wieder, während er weiter von dem offensichtlich dunklen Kapitel in seinem Leben erzählt, “auch physisch wußte ich einfach nicht, ob ich weiterhin könnte”.

Nummer 199 kopfüber – Foto: Nitro Circus

“Also fing ich an zu filmen und fand heraus, wie viel Spaß mir das macht. Mein Cousin Greg [Nitro Circus’ Special Greg] war gerade bei uns zu Hause eingezogen und meinte jeden Tag: ‘Yeah man, ich will einen Backflip mit dem Bike machen, ich will einen Double Backflip machen…’ Er war einfach nur verrückt drauf.”

Schnell verbreiteten sich die Ansagen wie ein Lauffeuer unter Pastranas Freunden, es kamen immer mehr Leute zu Besuch.

“Jeder kam rüber zu unserem Haus. Ich hatte gerade mit dem Foam Pit einen Zuschauermagneten gebaut. Backflips wollten auf einmal nicht nur wir lernen. Es gab so viele harte Abflüge, aber das war alles vor der Zeit von YouTube. Wir hatten allmählich echt viel Filmmaterial und fingen an zu schneiden. Unser erster Nitro Circus war geboren.

“Es war ein Gemetzel … Das Publikum war begeistert!”

“Es war ein Gemetzel … Das Publikum war begeistert!”

Der US Kabelkanal Fuse strahlte es aus, wo es erstmals eine größere Aufmerksamkeit erregte, inklusive die von Jackass-Star Johnny Knoxville. Mit der TV-Erfahrung Knoxvilles wuchs die Show rasant, nur wenig später wurde sie auch global ausgestrahlt.

“Wir bekamen einen Anruf von Mike Porra, ein australischer Promoter, und er meinte: ‘Wir sollten eine Live-Show machen’. Also trommelten wir unsere besten Freunde zusammen und drehten ordentlich am Zeiger”, sagt Travis.

“Es war wieder ein reines Gemetzel, die Show war im Vergleich zu heute fast lahm. Wir dachten nicht über das Publikum nach, sondern machten einfach, worauf wir sowieso Bock hatten. Aber die Crowd liebte es. Ein Stadion nach dem anderen war ausverkauft – von da an ist die Nummer einfach durch die Decke geschossen”, erzählt er im Rückblick auf den Erfolgsfaktor.

Travis tweaking out – Foto: Nitro Circus

Es wäre leicht für Pastrana, sich jetzt auf den Lorbeeren auszuruhen, aber er betont direkt, dass dies so schnell nicht passieren wird. Die Zukunftspläne sind bereits geschmiedet.

“Ich arbeite an Nitro World Games,” verrät er. “Wenn man normalerweise zu den X Games ging, hat man seine besten Tricks ausgepackt. [Aber] jetzt ist bei den X Games schon ein Double Backflip ein Big Deal, gleichzeitig ziehen sie Quad Backflips in meinem Garten.”

“Triple Backflip Full Twists. Wir hatten einen Snowboarder da, der einen Triple Backflip auf einem BMX gestanden hat – als dritte Person überhaupt weltweit! Wir haben zwei Mountainbiker – die einzigen beiden auf der Welt, die einen Triple Backflip schaffen – und Kiss Of Deaths machen sie dabei auch noch!”

“Wir brauchten ein Event, bei dem dieser Spirit wieder aufgegriffen wird. Ich will Weltpremieren von bahnbrechenden Tricks sehen” Pastranas Augen weiten sich wie bei einem Kind vorm Weihnachtsbaum.

“Ich will ja nicht die X Games kleinreden, aber sie haben FMX verbannt, sie haben Best Trick rausgeschmissen… Und es ist aus Sicherheitsgründen passiert, aber mit einer weicheren Landung würden wir Leute wieder dahin bekommen, Sachen auszuprobieren und wieder aufzustehen, wenn etwas nicht klappt, um es nochmals zu versuchen. Also, eine etwas andere Philosophie haben wir im Sinn. Hoffentlich pushen wir Actionsport, während wir es sicherer machen.”

Sicherheit ist ein Thema, auf das Pastrana immer wieder im Gespräch zurückkommt. Als Vater in den Dreißigern übernimmt man eben auch bei einer Show wie Nitro Circus automatisch eine verantwortlichere Rolle.

Travis, Lyn-z und die Familie – Foto: Facebook

“Mein Job beim Nitro Circus ist es, dass jeder bestmöglich vorbereitet ist. Wenn mir jemand erzählt, einen Trick versuchen zu wollen, will ich sicherstellen, dass er okay ist, sollte etwas schiefgehen.”

Während Nitro Circus die Grenzen verschiebt, sind Pastrana die Gefahren dessen nur allzu bewusst. An diesem Punkt erwähnt er seinen Freund Bruce Koch, um dies zu veranschaulichen. Koch blieb nach der Verletzung seines Rückenmarks gelähmt, nachdem der Versuch eines Double Frontflips auf seinem Bike bei einer Nitro Circus Show in Kanada im Jahr 2014 mit einem schweren Sturz endete.

“Wenn du einen Triple Backflip machst, scheint ein einfacher Backflip keine große Sache mehr zu sein, aber du fliegst immer noch mit mehr als 60km/h kopfüber.”

“Bruce landete acht von zehn Double Frontflips, und du denkst, ‘Yeah, schon ziemlich gut’. Aber wenn man dabei berücksichtigt, wie hoch er dafür springen muss. Und selbst wenn er neun oder sogar zehn von zehn Versuchen steht?” Travis unterbricht für einen kurzen Augenblick. “Dadurch ist er im Rollstuhl gelandet. Er wollte [es machen] und er konnte…”, wieder eine Pause. “Wir müssen das jede Nacht machen. Genau deswegen müssen wir auch die Landungen noch sicherer machen.”

Leuten, die kritisieren, die Landungen seien nicht echt, hält er entgegen, “sie machen aber trotzdem den Trick! Bei einem Crash auf unserer Landung stehst du wieder auf. Ja, es ist keine harte Landung, aber unsere Mission ist es, Sachen zu machen, die nie zuvor versucht wurden – höher und größer, aber sicher.”

Aber zwingt die Show Actionsport nicht in eine gefährliche Richtung?

“Eine Menge Leute erwähnen [Eric] Roner, und es war so verheerend für uns.” Roner starb im September 2015 beim für ihn routinierten Skydiving. “Roner hatte die härtesten Sachen auf Lager. Aber es ist, als wenn Evel Knievel mit seinem Motorrad auf einer normalen Straße verunglückt. Die Menschen, die wir in der Show haben, werden nicht unbedingt bei den großen Tricks verunglücken.” Die wirkliche Gefahr, behauptet Pastrana, lauere bei Nachlässigkeit.

No looking back – Foto: Nitro Circus

“Wenn du einen Triple Backflip machst, scheint ein einfacher Backflip keine große Sache mehr zu sein, aber du fliegst immer noch mit mehr als 60km/h kopfüber.” Es wird dadurch trotzdem kein leichterer Trick. Für uns ist der härteste Teil, dass uns klar sein muss, die Gefahr nicht zu senken, auch wenn uns Tricks leichter fallen. Zuletzt frage ich ihn, wer seiner Meinung nach der größte Star im Lineup bei Nitro Circus ist.

Ryan Williams,” sagt er, ohne eine Sekunde zu zögern. “Er ist nicht sonderlich stark, aber er hat das Airgame am besten drauf, verletzt sich dadurch nie.” Ein breites Lächeln strahlt über das Gesicht beim Gedanken an seinen Zögling.

“Niemand arbeitet so hart wie er. Vor der Tour hat er angekündigt, ‘ich werde einen World’s First bei jedem Event der Tour zeigen’. Ich hatte in meiner Karriere acht oder neun Weltpremieren insgesamt. Er spricht von 24 Shows, wo er das jeweils abziehen will. Und er hat schon sieben im Sack!”

Travis’ beinahe väterlicher Enthusiasmus steckt an. In seiner Gegenwart ist es eigentlich unmöglich, keine Begeisterung für Williams, den Nitro Circus und natürlich Pastrana zu empfinden. Mit diesem Mann am Lenker scheint die Zukunft von Actionsport in den richtigen Händen zu liegen.

Die Nitro Circus World Games Tour startet am 30. Januar in München mit weiteren Shows in Hamburg und Köln. Mehr Infos: www.nitrocircus.com

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