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Mountainbiken am Belgrano Railway | Auf einem verlassenen Gleis durch die Weiten Argentiniens

Kein Singletrack, keine Switchbacks, keine Sessellifte – nur zwei Schienen bis zum Horizont

„Der Tod hat ein Gesicht“, steht über dem Totenkopf, der auf die Wand gemalt wurde, dazu gesellt sich das Dollar-Zeichen. Diese offene Warnung über die düstere Seite des US-Imperialismus springt uns an dem alten Gebäude im Schatten des Humahuaca Central Plaza direkt ins Auge.

Als ich die Wörter laut wiederhole, hastet eine kleine einheimische Frau an mir vorbei. Ich frage mich, ob sie sich der Botschaft bewusst ist, und wenn ja, was sie darüber denkt. Was sie über uns denkt – vier eingestaubte, sonnenverbrannte Fremde, die auf ihren Bikes sitzen und die Füße abstützen. Für einen Moment lang bin ich beunruhigt. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in dieser Region bilden irgendwie auch die Basis für unser Bike-Abenteuer: Die Belgrano-Eisenbahnschienen, in der Vergangenheit ein industrielles Meisterstück, sind jetzt aus Geldmangel stillgelegt.

„Die Belgrano-Eisenbahnschienen, in der Vergangenheit ein industrielles Meisterstück, sind jetzt aus Geldmangel stillgelegt“

Wir erreichten Humahuaca, nachdem wir drei Tage damit verbracht hatten, entlang der Schienen zu fahren und diese ein Meter breite Spur in einen Singletrack umfunktioniert. Es hört sich nach einer merkwürdigen Mountainbike-Tour an – etwas, das man vielleicht in die Kategorie „die größten Fails der MTB-Geschichte“ einordnen könnte, doch es hat fast alles funktioniert, wie wir es uns vorgestellt hatten.

Für 100 Kilometer mussten wir den Kurs verlassen, da die Schienen durch eine extrem trockene, von Kakteen geprägte Landschaft führte. Wir steuerten unsere Bikes durch die nadeligen Freunde und nahmen die baufälligen Eisenbahnbrücken als eine weitere Herausforderung neben den 35° Celsius und der Höhe von 3.500 Metern an. Und jetzt sind wir in Humahuaca, an unserem Ziel angekommen und haben Zeit, unseren Trip Revue passieren zu lassen.

Foto: Dan Milner

Retrospektive: Spule fünf Jahre zurück und man findet mich in einem Leihauto am Fenster, als wir genau diese Wüste durchqueren. Die Rückbank ist von auseinandergebauten Bikes überflutet, auf dem Armaturenbrett liegt eine vom Autovermieter selbstgemalte Karte mit möglichen Trails, denn er „kannte sich aus“. Damals war ich auf dem Weg nach Iruya, ein kleines Dorf, das sich auf der anderen Seite des 4.000 Meter hohen Passes versteckt.

Wie das bei den meisten Reisen so ist, eröffnen neue Optionen für den nächsten Trip, während man die aktuellen Ziele abhakt. Ich wusste sofort, als ich diese alten und rostigen Brücken sah, dass ich eines Tages für das untypischste Mountainbike-Abenteuer zurückkommen würde – diesen histirischen, mittlerweile verlassenen Bahnschienen entlang zu fahren.

„Ich wusste sofort, als ich diese alten und rostigen Brücken sah, dass ich eines Tages zurückkommen würde…“

Fünf Jahre später hat alles gepasst und ich stehe hier, schleiche über die gleichen alten Brücken und versuche nicht, zwischen den Schwellen 50 Meter in die Tiefe zu schauen. Hinter mir kann ich Motivationsschreie von meinen Kollegen Tibor Simai, Hans Rey und Rob Summers hören. Vor mir, wenn ich es so weit schaffe, zeigt sich wieder ein solider Untergrund und damit Sicherheit. „Ich war nie einer, der mit Höhe umgehen konnte“, murmelte ich grimmig, fuhr vorsichtig weiter und versuchte meine zitternden Knie zu kontrollieren, während ich mäßigen Grip auf meinem Bike spürte.

Ich kann mich aber nicht beschweren – diese außergewöhnliche Tour war meine Idee, ganz allein meine. Aber es scheint so, als gäbe es andere Menschen, die meinen verzerrten Sinn für interessante Biketouren teilen, und dafür bin ich dankbar. Zumindest können wir in der Gruppe die Reihenfoge ändern, sodass immer jemand anders zuerst die Brücke überqueren muss. Das hört sich nicht unbedingt nach innerem Frieden an, doch wenn du Schienen entlang fährst, die 1908 gebaut wurden und in den letzten 25 Jahren nicht mehr repariert wurden, ist es ganz gut, nicht ständig das Versuchskaninchen zu sein.

Foto: Dan Milner

 

Wir schafften es über 70 Meter lange Brücken und sortierten uns danach in der Gruppe immer neu, um Kraft zu sparen und waren froh, die jeweilige Überquerung überlebt zu haben. Dadurch dass unsere Tour entlang der Schienen verlief, war das Streckenprofil überwiegend flach. Doch am ersten Tag, nachdem wir Abra Pampa verlassen hatten, trafen wir auf eine leichte, aber erbarmungslose Steigung, die uns durch zusätzlichen Gegenwind und die Höhe viel Kraft abverlangte.

Es ist ein simples Konzept: Die Schienen verbinden auf nahezu direktem Wege Punkt A mit Punkt B und dieser direkte Weg durch das Nichts hat mich irgendwie gereizt. Aber in diesem Moment habe ich meine Meinung geändert. Die ersten zwei Stunden erwiesen sich als extrem anstrengend.

Abenteuer sind oft mit einer Flut an Überraschungen, Belohnungen und Rückschlägen verbunden. Der Sinn für die Leistung und das Realisieren dessen, was du gerade geschafft hast, tritt erst später ein, wenn du die Zeit hast, alles zu reflektieren – im Normalfall mit müden Beinen und einem Bier in der Hand. Und genau so ist es bei diesem Trip auch.

„Die ersten zwei Stunden erwiesen sich als extrem anstrengend….“

Sogar das Fahren entlang der Schienen, was auf den ersten Blick völlig anspruchslos wirkt, sodass die meisten Mountainbiker nie auf die Idee kommen würden, so etwas zu unternehmen, entpuppte sich schnell als physische und mentale Herausforderung.

Foto: Dan Milner

Als wir das erste Mal stoppten, um unsere Bikes über den ersten von vielen Stacheldrahtzäunen zu hieven, die über die jetzt nutzlose Strecke gezogen sind, kam die Frage auf, was wir hier eigentlich machen und dass diese Idee alles andere als normal ist. Wir erkennen keine markanten Referenzpunkte – keine alpinen Singletracks, kein Switchbacks, keine Sessellifte. Stattdessen haben wir vor uns eine ein Meter breite Piste, die sich durch die kahle Landschaft zieht, bis sie am Horizont verschwindet. Links und rechts von uns ragten rote Felstürme in die Höhe. Diese schroffe Landschaft ist inspirierend, zugleich aber auch demütigend.

Foto: Dan Milner

Mit stark steigenden Temperaturen und nichts als mit Staub bedeckten Bachbetten unter jeder Brücke, ist dies kein Ort, an dem man unbedingt festzusitzen will. Irgendwo auf unserem Weg liegt die Route 9, auf der nach Abgas stinkende Busse zwischen Jujuy im Süden und der Grenze Boliviens im Norden hin- und herfahren. Dieser asphaltierte Lebensretter, der die Bahnschienen in ihrer Wichtigkeit abgelöst hat, ist die einzige Ausweichroute, wenn alles zu kompliziert wird, oder die Bahnschienen verschwinden. Das war ein Notfallplan, auf den wir nicht hofften, aber man konnte sich ja vorher nicht wirklich sicher sein.

„Mit stark steigenden Temperaturen und nichts als mit Staub bedeckten Bachbetten unter jeder Brücke, an dem man unbedingt festzusitzen will“

Komplikationen und das Ungewisse machen Abenteuer aus. Es ist die Unsicherheit, die eine Mountainbike-Tour in eine echte Herausforderung verwandelt. Unser Abenteuer war gespickt mit Ungewissheiten. Ich habe Monate damit verbracht, alles Mögliche über die Bahnschienen zu recherchieren, den Verlauf über Google Earth zu betrachten und zu checken, ob das Projekt überhaupt realisierbar ist. Ich durchforstete das Internet nach Hinweisen, was uns erwarten könnte, um abschätzen zu können, ob wir erfolgreich sein werden oder das Land mittlerweile von Farmern bewirtschaftet wird und uns Schäferhunde in die Flucht schlagen würden.

Foto: Dan Milner

Doch ich konnte fast nichts herausfinden. Keines meiner teuren Hightech-Geräte konnte mich auf den Trip und die Gegebenheiten vor Ort vorbereiten. Es schien so, als ob keiner etwas über den aktuellen Zustand der Belgrano Norte zu erzählen hatte. Zumindest sind wir die ersten, die diese Route nehmen, wenn man der Stille des Internets glauben schenken schenken darf.

Foto: Dan Milner

Als wir an den Eisenbahnschienen entlang fuhren, dämmerte uns langsam die ehemalige Wichtigkeit der heute beinahe in Vergessenheit geratenen Gleise. Nach dem Bau und lang bevor die erste Straße gegossen wurde, repräsentierte die Bahnstrecke den schnellsten und sichersten Weg, um durch dieses von Banditen besetzte Land zu reisen. Züge standen für Fortschritt und laut Argentiniens Präsident Avellaneda, unter dem die Eisenbahnen in den 1870er Jahren Fuß fassten, bedeuten sie noch viel mehr. Es sei „Industrie, Kommerz, Kunst, Wissenschaft und Poesie.“

Foto: Dan Milner

In den späten 1880ern erstreckte sich ein ganzes Netz von Bahnschienen durch die nördlichen Provinzen von Argentinien bis zur bolivianischen Grenze. Manche Routen wurden später den Briten, andere den Franzosen verkauft. Zu dieser Zeit um die Jahrhundertwende bedeuteten Eisenbahnen ein großes Geschäft.

Doch die Zeit bleibt nicht stehen. Jetzt liegen die ausgeblichenen Knochen von verendeten Tieren über den Schienen – Opfer dieser gnadenlosen Landschaft. Wir radelten an verlassenen Haltestellen vorbei, die mittlerweile zu Ruinen verfallen waren. Langsam aber sicher verschluckt die Wüste alle Überreste. Schwellen wurden vom Sand verschlucht und Telegrafenmasten von Vögeln als Nester genutzt.

Foto: Dan Milner

Im kleinen Dorf namens Tres Cruces erspähen wir Wassertanks, die man dazu verwendet hat, um die Dampflokomotiven wieder aufzufüllen. Diese liegen heute trocken und nutzlos als Mahnmale an alte Zeiten am Wegesrand. Der Bahnhof ist leer, Opfer des Wirtschaftswandels, denn die Leute haben ihren Fokus auf die Bushaltestelle am Highway gelegt. Die Bahnschienen wurden komplett vergessen und wir teilen sie nur mit Herden von Lamas. Da wir nicht wussen, wie die Tiere auf vier Mountainbiker reagieren würden, entschlossen wir uns dazu, diese zu umgehen und 50 Meter hinter der Herde erst wieder auf die Gleise zu steigen.

 

Foto: Dan Milner

Für ganze drei Tage fuhren wir durch achselhohes Gestrüpp, das sich sein Stück Land wieder zurückerobert, denn einst, als dort noch ein Bahnverkehr herrschte, hatte es keine Chance zu wachsen. Wir fuhren Zickzack durch die Strächer und fanden unsere eigene Version des Singletracks, versuchten aus jeder Unebenheit im trockenen Boden Vortrieb zu generieren.

Für ein paar hundert Meter waren die Bahnschienen verschwunden, von den Einheimischen als Baumaterialen verwendet. Wir rollten an großen Ebenen und Bergfriedhöfen vorbei, fuhren kleine Steigungen hinauf und kreuzten das spektakuläre UNESCO Weltkulturerbe Quebrada de Humahuaca – ein felsiges Tal, dessen Wände in roten Farbtönen erstrahlen.

 

Foto: Dan Milner

Endlich kamen wir in Humahuaca an, ein kleines, aber lebendiges Dorf, das uns zurück in die Realität holte. Hier blickten wir auf die Bahnschienen zurück, die die letzten drei Tage unser Zuhause waren; die uns einen Einblick in eine andere Gegend gegeben hat.

Der Boom und die Pleite, Privatisierung und eine Wirtschaftskrise bildeten die Story zu den Gleisen und der ganzen Region. Tabak, Rohrzucker und Benzin spielten damals die tragende Rolle im Leben der Einheimischen und bildeten die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg. Doch als wir durch die Straßen von Humahuaca rollten, realisierten wir, dass das Leben dort weiterging: Die Leute eilten auf den Markt, blühendes Leben an den Straßenecken.

„Der Boom und die Pleite, Privatisierung und eine Wirtschaftskrise bildeten die Story zu den Gleisen und der ganzen Region“

Wir checkten in einem kleinen Hotel ein und bestellten einen Yerba Mate Tee, gefolgt von ein paar Bieren in einem Dorf, das mittlerweile mehr als nur Auf- und Abstiege erlebt hat. Die Straßen sind mit Backpackern gesäumt, die Modeschmuck kaufen und Jeeptouren nach Quebrada buchen. Der Tourismus gibt dem Ort Hoffnungen auf eine stärkere Wirtschaft, doch die Bahnstrecke bleibt für immer ein Kapitel in der Geschichte.

Es wird darüber geredet, die Strecke zu renovieren, doch nachdem wir den Zustand gesehen haben, würde das wohl ein langer Prozess werden. Wir stoßen auf diese vergangene Ära in der Geschichte Argentiniens an. Alles was diese Strecke bieten kann, ist das ausgefallenste Mountainbike-Abenteuer, das jeder von uns je erlebt hat.

DO IT YOURSELF:

Originalkarte von: Nations Online Project

Anreise:

Du kannst nach San Salvador de Jujuy, der Hauptstadt der Provinz Jujuy von Buenos Aires aus fliegen. Aerolineas Argentinas bietet regelmäßige Flüge für 300 Euro hin und zurück an.

Um nach Buenos Aires zu kommen, vergleicht ihr am besten die Preise. Es gibt viele Airlines, die diesen Flughafen anfliegen.

Fahrräder und Guides:

Dan und seine Gruppe waren die ersten Mountainbiker, die an den Bahnschienen entlangfuhren. So hatten sie keinen Guide, bekamen aber Unterstützung von Jujuy en Bici (jujuyenbici.com.ar). Diese können mehrtägige Biketouren inkl. Leihmaterial und Unterkünften in der Region organisieren.

Für die neuesten Touren und Preise checke jujuyenbici.com.ar/en/precios

 Text und Fotos von Dan Milner 

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